Warum vegan ernähren?

Mit der Entscheidung, vegan zu leben, muss man sich auf viele, viele schräge Blicke vorbereiten. Ich kann’s niemandem verübeln, ich habe selbst einmal so gedacht. Ich war lange Zeit Flexitarierin, in der Überzeugung, dass man eben ab und zu tierische Produkte braucht und der Meinung, die Milch- und Ei-Industrie sei ja eh ok…. Ich kannte die Bilder aus amerikanischer Massentierhaltung, habe sie mit gutem Gewissen von mir weg geschoben, weil in Europa – vor allem unserem kleinen, feinen Österreich – ist doch alles besser.. Oder?

Dann bin ich aber über einige interessante Dokumentationen gestolpert, in denen die Tierindustrie von ganz anderen Seiten beleuchtet wird – nämlich seitens umwelttechnischer und gesundheitlicher Aspekte. Und die haben bei mir schließlich so einiges ins Rollen gebracht. Ich habe begonnen, mich über Tierindustrie in Österreich zu informieren, wie werden Tiere in Österreich denn nun wirklich gehalten, wie schaut das Ganze mit Bio Tierhaltung aus, brauchen wir tierische Inhaltsstoffe in unserer Ernährung überhaupt und was bedeutet Fleischkonsum für unsere Umwelt.

Nach meinen Recherchen muss ich sagen: Dass ich mich für den Verzicht auf tierische Produkte und für eine pflanzenbasierte Ernährung rechtfertigen muss ist sehr verkehrt – schließlich rechtfertige ich mich auch nicht dafür, nicht zu rauchen, oder Sport zu betreiben und Wert auf einen nachhaltigen Lebensstil zu legen.

Letztendlich wurde mir von überzeugten Veganern ans Herz gelegt: „Spread the Word!“ Und das will ich mit diesem Beitrag versuchen.

Warum vegan? Für die Schweinderl, die Kühe, die Hendln, die Fische…

Die ethischen Gründe gegen Fleischkonsum sind mittlerweile schon altbekannt. Es schadet aber nie, sie sich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen und auch mal einen Blick auf die „heile“ Biowirtschaft zu werfen.

  • Die Mindestanforderungen für die Haltung von Nutztieren sind auch in Österreich unverschämt niedrig. Die konventionelle Haltung stellt leider auch den Großteil der österreichischen Tierhaltung dar (nämlich bei 99% der Betriebe). Rinder, Hühner und Schweine werden auf engstem Raum zusammen gesperrt. Dadurch sind, um gegenseitiges Verletzen zu vermeiden, oft schmerzhafte Eingriffe notwendig: wie das Kupieren von Schnäbeln, das Ausbrennen von Hörnern, die Kastration von Ferkeln etwa. (1)  – Auch in Österreich, auch in „Bio“. („Eingriffe wie das Anbringen von Gummiringen an den Schwänzen von Schafen, das Kupieren von Schwänzen, das Abkneifen von Zähnen, das Stutzen der Schnäbel und Enthornung dürfen in der ökologischen/biologischen Tierhaltung nicht routinemäßig durchgeführt werden. (2) )
  • Ausnahmeregelungen machen es möglich, dass auch in Österreich nach wie vor Bio-Rinder in Anbindehaltung ihr kurzes Dasein fristen müssen. (3)
  • Die Bio-Verordnung würde immerhin 2 Mal pro Woche einen Auslauf auf der Weide vorschreiben. Aber auch hier gibt es zahlreiche Schlupflöcher wie Ausnahmeregelungen. So kommt eine Studie unseres Lebensministeriums zum Schluss, dass es durchaus Bio-Rinder in österreichischen Betrieben geben kann, die ihr Leben lang nie eine Wiese gesehen haben. Bio-Schweinebetrieben ist es außerdem möglich, die Tiere „für den Selbstgebrauch“ konventionell zu halten. Die Bio-Landwirtschaft wird dabei als „verwässert“ durch Lobbyisten kritisiert. (3)
  • Jungtiere stellen leider ebenfalls eine Ausnahme in der Bio-Regelung dar – sie dürfen konventionell gehalten werden. (3)
  • Im Prozess der Schlachtung zeigen Aufnahmen von versteckten Kameras in österreichischen Schlachthöfen, dass Bestimmungen bezüglich des Umgangs mit den Tieren von den Mitarbeitern nicht eingehalten werden. So sieht man bei den Aufnahmen zum Beispiel den Einsatz von Elektroschockern, mit denen schon am Boden liegenden Schweinen ins Gesicht geschockt wird, oder Personen, die brennende Zigaretten auf die verängstigten, kotverschmierten Schweine werfen. (4)
  • Vor der Schlachtung müssen die Tiere in Österreich betäubt werden. Dies passiert bei Schweinen zum Beispiel in Gaskammern, in denen sie an Erstickungsanfällen, Panik und Krämpfen leiden, bevor sie schließlich zusammen brechen. Bei Rindern ist es üblich, den Kopf in einer Apparatur zu fixieren (mit mehr oder weniger gewaltsamen Umgang, denn freiwillig wird kein Lebewesen seinen Kopf fixieren lassen) und einen Betäubungsbolzen ins Hirn zu schießen. Laut Wikipedia fällt die Wirkung dieser Betäubungsmethode aber bei 1% der Tiere durch Fehler der Apparaturen aus – klingt, als gäbe es tatsächlich Tiere in Österreich, die bei lebendigem Leibe ausbluten müssen. Und ja, auch Bio-Betriebe liefern ihre Tiere in diese Schlachthöfe. (5) (6) (7)
  • Last but not least – die Milchindustrie! Sie ist ein grausames Kapitel für sich – angefangen bei der maschinellen Befruchtung der Kühe, den Dauerschwangerschaften, entzündeten Eutern, den Schreien nach den Babys, die ihnen weggenommen werden… Besonders die männlichen Kälber, für die kein Nutzen gefunden wird, trifft es hart – sie werden in teils 90-stündigen Transporten nach Südeuropa gefahren. Wenn sie nicht schon während der Fahrt sterben, müssen sie dann ihre verbleibenden Monate unter grausamen Bedingungen bis zur Schlachtung abwarten. Vor diesem Schicksal sind auch Bio Kälber nicht gefeit. (8)
  • Ist es nicht unsere soziale Verpflichtung, keiner Lebensform dieser Welt ein solches Leid zuzufügen? (9)

Warum vegan? Für die Umwelt…

Dieses Thema ist einer Vielzahl der Menschen eher unbekannt, abgesehen von dem eher belächelten „Rinder-Pupsen“.

  •  Nutztierhaltung und allen voran die Rinderhaltung der Milchindustrie, produziert mehr Treibhausgase, als alle Abgase des Transportwesens weltweit. Verringert man den Verzehr von Fleisch und Milchprodukten, kann der eigens verschuldete Ausstoß von Methan und Lachgas um 80% verringert werden. (10)
  • Futtermittel werden auch für europäische Nutztiere in Regenwaldgebieten angebaut – im Amazonasgebiet wurde bereits 70% der Regenwald Fläche für den Futtermittelanbau gerodet. Die Tierwirtschaft nimmt durch den massiven Bedarf an Getreide 30% der gesamten Erdoberfläche ein. (10)
  • Für 1 kg Rindfleisch benötigt man 16 kg Getreide und die Herstellung von 1 kg Fleisch benötigt 15 500 Liter Wasser – durch die Bewässerung der Futtermittel, Trinkwasser und die Reinigung von Ställen und Schlachthöfen. (10)

Warum vegan? Für mich…

Letztlich sprechen auch immer mehr Studienergebnisse für eine Fleisch- und Milchprodukte- freie Kost. Diese werden jedoch eher diskret veröffentlicht und der Bevölkerung schwer zugänglich gemacht. Das vermittelt den Eindruck, dass die Pharmalobby einen neuen, besten Freund gewonnen hat: die Fleischlobby!

„How come we don’t know anything about this? Well, we have something called ‚Media‘!“

~ M.D. Michael Greger; Uprooting the leading causes of death ~

  • Fleischesser haben im Vergleich zu Vegetariern eine 146% höhere Wahrscheinlichkeit für Herzerkrankungen, eine 152% höhere Wahrscheinlichkeit, einen Schlaganfall zu erleiden, eine 166% höhere Wahrscheinlichkeit, Diabetes zu entwickeln und eine 231% höhere Wahrscheinlichkeit, fettleibig zu werden. (11)
  • Für die häufigsten Todesursachen in den Industriestaaten – nämlich Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes, neurologische Erkrankungen wie Alzheimer usw. – ist Arteriosklerose der Hauptauslöser. Arterienverkalkung entsteht vor allem durch LDL-Cholesterol, das über Nahrung zugeführt wird. Es ist hauptsächlich in Fleisch, Milchprodukten und Eiern, sowie in Fertigprodukten enthalten. (11)
  • Um den häufigsten Todesursachen, wie den oben genannten, aber auch Krebserkrankungen, vorzubeugen, wird die Umstellung zu einer pflanzenbasierten Ernährung empfohlen. (11)
  • Beim Verzicht auf Fleisch und Fleischprodukte wird der Protein-, Fett- und Kohlenhydratbedarf durch eine abwechslungsreiche Ernährung, reich an Vollkornprodukten, Gemüse, Hülsenfrüchten und Obst, gedeckt. Stärke, Ballaststoffe, Vitamine (Vitamin C, ß – Carotin, Folsäure und Thiamin), Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe werden ausreichend aufgenommen. Die verminderte Aufnahme an tierischem Fett und Cholesterin beugt ernährungsbedingten Krankheiten wie Übergewicht, Bluthochdruck oder Hypercholesterinämie (und den lethalen Folgeschäden) vor.
    Bei all den gesundheitlichen Vorteilen, die der Verzicht von Fleisch, Milchprodukten und Eiern mit sich bringt, sollten Veganer aber trotzdem ihren Eisen, Vitamin B12 und Calcium Spiegel im Auge behalten. (12)

 

Nach diesen Argumenten war für mich klar: Auf tierische Produkte will ich von nun an – zumindest meistens – verzichten. Warum nur meistens? Ich bin keine Kampf-Veganerin. Ich kaufe zwar keine tierischen Produkte mehr, aber wenn ich bei Freunden und Familie auf Besuch bin, möchte ich niemanden zwingen, vegan für mich zu kochen, oder mein selbst mitgebrachtes Essen auspacken. Hinzu kommt, dass man Vitamin B12 offenbar ausschließlich aus tierischen Produkten gewinnt. Allerdings auch nur unter der Voraussetzung, dass das Tier seine Zeit auf einer tatsächlichen Weide verbringen durfte, da es sich bei Vitamin B12 um ein Bakterium aus Dung handelt. Also kann man sich bei „Supermarkt-Fleisch“ – sei es nun Bio oder nicht, sowieso nicht sicher sein, ob es Vitamin B12 enthält.

Ich habe Vitamin B12 in Tabletten-Form, um meinen Bedarf zu decken. Viele möchten nicht auf Pillen angewiesen sein, um gesund zu sein. Deswegen verstehe ich es, wenn man sich für seltenen Fleischkonsum entscheidet – sofern das Fleisch von einem kleinen Bauernhof mit eigener Schlachtkammer bezogen wird. Trotzdem ernähre ich mich derzeit nahezu komplett vegan und möchte die Vitamin B12 Supplementation probieren. Ansonsten nehme ich keine Ergänzungsmittel. Ich habe kürzlich einen Bluttest gemacht – und meine Werte waren, einschließlich Vitamin B12, alle in bester Ordnung. Keine einzige Mangelerscheinung. Spricht also momentan alles für eine vegane Ernährung.

 

Abschließend eine passendes Zitat von Albert Einstein (einem der vielen, überzeugten und berühmten Vegetariern der Weltgeschichte):

Nothing will benefit human health and increase chances for survival of life on Earth as much as the evolution to a vegetarian diet.

~ Albert Einstein ~

 

Quellen

(1): Verordnung der Bundesministerin über die Mindestanforderungen in der österreichischen Tierhaltung.  https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=20003820

(2): EU-Bio-Verordnung. http://www.bio-austria.at/app/uploads/889-2008-kons_14_06-121.pdf; S.23 – Umgang mit Tieren.

(3): Forschungsbericht des Lebensministeriums bzgl. Konventionalisierung der Bio-Wirtschaft. https://www.bmlfuw.gv.at/land/laendl_entwicklung/Online-Fachzeitschrift-Laendlicher-Raum/Biolandbau.html; S.38 – Ausnahmeregelungen in der biologischen Landwirtschaft. S.41 – Weidevorgabe ab 2014. S.110 Tierhaltung.

(4): Aufnahmen aus österreichischen Schlachthöfen. http://vgt.at/actionalert/schlachthofskandal/index.php

(5): Wikipedia-Eintrag über Schlachtungsmethoden.  https://de.wikipedia.org/wiki/Schlachtung#Bet.C3.A4uben_und_Anh.C3.A4ngen

(6): ORF-Bericht zu Methoden der Tiertötung. http://orf.at/stories/2068451/2068452/ 

(7): Bericht des Bundesministerium für Gesundheit – Verfahrensweisen bei der Schlachtung.  https://www.wko.at/Content.Node/branchen/oe/Agrarhandels/Vieh—Fleisch/Tiertransport—Tierschutz/Leitfaden_fuer_bewaehrte_Verfahrensweisen_betreffend_Tiersch.pdf

(8): Bericht des VGT über Tiertransporte von österreichischen Kälbern. http://vgt.at/actionalert/tiertransporte/reise.php

(9): Buch von Eckard Wolz-Gottwald mit vertiefendem Wissen über die Yoga-Sutren. http://www.amazon.de/Die-Yoga-Sutras-Alltag-leben-philosophische/dp/3866163045/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1451979451&sr=1-1&keywords=die+yoga+sutras+im+alltag+leben

(10): Sammelbericht von PETA über die (Nicht-) Vereinbarkeit von Umweltbewusstsein und Fleischkonsum.  http://www.peta.de/umwelt#.VotzbBXhDIV

(11): Buch von M.D. Michael Greger über die gesundheitlichen Aspekte der pflanzlichen Kost. http://www.amazon.de/How-Not-Die-Discover-Scientifically/dp/1250066115/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1451854010&sr=8-1&keywords=how+not+to+die

(12): Beitrag über vegetarische/vegane Ernährung der österreichischen Gesellschaft für Ernährung. http://www.oege.at/index.php/component/content/article/54-bildung-information/ernaehrung-von-a-z/1788-vegetarische-ernaehrung

Meine Lese- und Film- Empfehlungen:

  • Film: Cowspiracy von Kip Andersen und Keegan Kuhn
  • https://www.youtube.com/watch?v=30gEiweaAVQ  –> spannendes Video von M.D. Michael Greger über die gesundheitlichen Aspekte von Fleischkonsum
  • BuchtippHow not to die von Michael Greger –> sehr, sehr interessante Fakten über pflanzenbasierte Ernährung und Zusammenhänge von den häufigsten Erkrankungen mit der Ernährung – unbedingt lesen!

 

6 Replies to “Warum vegan ernähren?”

  1. […] sich vegan zu ernähren, gibt es ja viele. Aber beim Frühstück bekommt Veganismus noch mal eine ganz andere Bedeutung. Beim […]

  2. wow, sehr sehr interessant und super, das du die Links alle einbaust. Ich hab mich mal einen Monat lang vegan ernährt und mein größtes Problem waren die Besuche bei Freunden oder in „normalen“ Restaurants, da gab’s die Wahl zwischen Salat und Hummus. Und irgendwann mag man keinen Hummus mehr…

    1. Ja, versteh ich, geht mir genauso. Wenn ich jemanden besuche, freue ich mich, bekocht zu werden und gönn mir auch mal das ein oder andere Gläschen Wein und Mehlspeisen, ohne nach der Zutatenliste zu fragen. Vor allem aber zu Hause achte ich darauf, auf tierische Produkte zu verzichten und pflanzliche Alternativen zu verwenden.

  3. […] Rücksichtnahme und Freundlichkeit im Umgang mit Tier, Mensch und Umwelt. Dies beinhaltet auch eine vegane Ernährung und respektvolle, wertschätzende Gedanken und Worte gegenüber anderen Personen. Auch Ehrlichkeit […]

  4. […] Yoga Sutras richtig schöne Parallelen erkennen – angefangen damit, dass sich viele Philosophen vegetarisch ernährten, bis hin zu Übereinstimmungen in Meinungen zu einem glücklichen, […]

  5. […] großer Begeisterung folge ich den Pionierinnen, die vegane Ernährung zum Trend gemacht haben. Die Auswirkungen, die hier zu pflanzenbasierter Ernährung genannt werden, […]

Kommentar verfassen