Zum Weltfrauentag wünsch ich mir… Achseln, die nach Veilchen duften

Weltfrauentag: Frauen und Druck durch soziale Medien

Wir Frauen müssen heutzutage schon ganz schön viel medialem Druck gewachsen sein. Auch am Weltfrauentag.

Ein großer Teil unseres Lebens spielt sich digital ab. Wenn wir unsere Laptops öffnen und Smartphones zücken, tauchen wir in eine ganz andere Welt ein.

Eine Welt der Instagirls, der Superwomen. Deren Wohnungen nie chaotisch und deren Haare nie fettig sind. In ihren Küchen zaubern sie ausschließlich Buddha-Bowls und Regenbögen. Und ihre Kleiderschränke beinhalten Fair Fashion, soweit das Auge reicht.

Ich bewundere diese Frauen. Deswegen habe ich mir zum heutigen Weltfrauentag die Ikonen von Instagram, Facebook, Snapchat und Co. näher angesehen.

 

Zum Weltfrauentag wünsche ich mir…

 

… Das Lachen eines Bond Girls

Nach der Arbeit steuere ich mit unbeugsamen Willen auf das Sofa zu. Nichts und niemand kann mich aufhalten. Dort angekommen scrolle ich zufrieden durch meinen Instagram Feed. Mit großer Faszination begutachte ich Fotos von Frauen, bei denen immer die Vormittagssonne scheint. Sie haben ihr Leben im Griff, sie haben unendlich viele Freunde. Und sie lachen immer.

Ich lache am heutigen Weltfrauentag nur zur Schokocreme, die seit heute Morgen noch am Esstisch steht, in der Hoffnung ihr würden Beinchen wachsen und zu mir zappeln.

Ob in der Arbeit, im Aufzug, beim Sport, auf Reisen. Sie lachen immer. Ganz im Gegensatz zu diesen Hammerfrauen starre ich im Aufzug aber normalerweise emotionslos auf das Stockwerk-Display und beim Sport ist mein Lachen gleich einer beängstigenden Verzerrung.

 

… Brokkoli Tartar und Matcha Cupcakes

Jeden Tag posten sie Fotos, die einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Wenn sie den Kochlöffel schwingen, entsteht dabei immer ein Traumgericht. Ihr Essen verspeisen sie dann auf weißem Untergrund, nachdem jemand aus der Vogelperspektive Fotos von den bunten Speisen und ihren zarten Händen geschossen hat. Und insgeheim bewundern wir ihre schön lackierten Nägel und ihren stilvollen Ringschmuck.

Wenn ich mich unter Murren dem leidigen Thema „Kochen“ widme, stehe ich aber meistens vor einer sinnlosen Zusammenstellung von Lebensmitteln. Als Food Bloggerin wäre mein Feed dann wohl eher eine Sammlung der ideenlosen Resteverwertung. Nach dem Kochen ist die Küche dann ein Schlachtfeld und ich bin so hungrig, dass ich dem Vogelperspektiven-Fotografen vermutlich das Bein abknabbern würde, bevor er den Auslöser findet.

 

… Minimalismus in Nude-Farben

Da ich mich immer noch nicht vom Sofa lösen konnte, scrolle weiterhin durch die Accounts meiner Social Media. Ich stoße auf inspirierend minimalistische Wohnungseinblicke. Wohnungen, die so viel Reinheit und Frische ausstrahlen, dass ich mich nur vom Ansehen schon porentief fantastisch fühle. Ich sehe Designmöbel und leere Flächen, auf denen geschickt einzelne Details inszeniert werden.

Und dann schau ich mich um.

Neben mir starrt mich unser Stoff-Faultier von der Sofalehne aus vorwurfsvoll an. Über einer Sessellehne hängt Kleidung, die es aus irgendeinem Grund nie bis zum Wäschekorb geschafft hat. Neben der inszenierten Kerze auf der Kommode findet man außerdem Zeitschriften, Bücher, Haarringerl und interessanterweise einen Spitzer.

 

… Style aka Rhabarberleder und Ocean Plastic Sneakers

Ihre zarten Körper in feine Stoffe gehüllt, werfen sie ihre langen, vollen Haare gekonnt in Szene. Oder sie binden sie mit Geschick zu einem Messy Bun zusammen, den sie unversehrt durch den ganzen Tag tragen. Ihr Kleidungsstil ist chic, elegant, cool, sexy und casual zugleich und wenn sie eine Kusshand werfen, sieht das einfach immer unendlich sympathisch aus.

Und als wäre das nicht alles schon großartig genug: ihr Kleiderschrank ist voller beneidenswert modischer Fair Fashion Modelle. Ganz begeistert klicke ich auf die verlinkten Modemarken und surfe durch die Online Fair Fashion Shops. Die meisten haben ihren Sitz in Deutschland. Versandkosten. Oh no.

Da ich für meine Nugget-Proportionen keine Rücksendungskosten zahlen möchte, bleib ich mal bei meinen Eco Shirts und abgetragenen Recycling Boots.

Weit entfernt von High Fashion mümmel ich mich tiefer in meinen Kapuzenpulli, weil mir beim Anblick von nackten Instaknöcheln ganz kalt wird.

 

… Achseln, die nach Veilchen duften

Mit großer Begeisterung folge ich den Pionierinnen, die vegane Ernährung zum Trend gemacht haben. Die Auswirkungen, die hier zu pflanzenbasierter Ernährung genannt werden, sind schon weit über Themen wie Herz-Kreislauf-Gesundheit oder Krebsprävention hinaus. Hier kann man nämlich porentief reine Haut, wallende Haare und geschmeidige Nagelbetten bewundern. Als ich weiter lese, entdecke ich sogar Foren, die von veganem Schweißgeruch schwärmen. Wissenschaftlich erwiesen.

Fasziniert schmökere ich durch Posts wie: „Ich rieche nach Alpenveilchen“, „meine Achseln duften nach Basmati-Reis“, „der Schweißgeruch ist jetzt weniger beißend“.

Alpenveilchen wären mir jetzt noch nicht aufgefallen. Vielleicht muss ich dazu die Nase mal tiefer ins getragene Shirt stecken. Oder Veilchen in die Achseln reiben.

 

Die Frauen der sozialen Medien erscheinen mir langsam erschreckend abstrakt.

Wie machen die das nur. Ihre Philosophie, ihre Bilder, ihr Social Media Auftritt ist inspirierend, schön und weiblich.

In der Realität haben wir Frauen aber viele (Un-) Facetten.

Wir können nach unserem strahlenden Weltfrauentag-Lachen auch mal ganz schön tötende Blicke verteilen. Und wenn wir unser Brokkoli Tartar verspeisen, kann auch mal die Hälfte davon auf dem Shirt landen. Aber das macht nichts, wir wollten es wegen der Schokoflecken eh schon gestern in die Wäsche geben *hüstel*. Unsere Wohnungen lassen wir das ein oder andere Mal auch im Chaos versinken. Dafür freuen wir uns aber bei der nächsten Wiederinstandsetzung über längst vergessene Schätze. Und bei unserem Styling verdienen wir auch für schlappe Messy Buns anerkennende Worte und Schulterklopfer. Aus unseren Achseln wachsen übrigens leider keine Veilchen.

 

Liebe Frauen, lasst uns jetzt mal kurz die Laptops schließen, die Bildschirme abdrehen, die Handys weglegen. (Vorher noch lesen wir den letzten Absatz..)

Lasst uns Anstoßen: Auf unsere absolut perfekte Unperfektheit. Jene Macken und Insuffizienzen, die uns unsere Magie verleihen. Die wir auf den Instafeeds und Facebook Pinnwänden so vergeblich suchen.

Happy Women’s Day <3

 

 

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